Vergebung – Freiheit

An Ostern wurde viel über Vergebung gesprochen – für gläubige Christen ist Ostern ja das Fest der Vergebung. Und sie beten im Vaterunser „….und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern….“.

Unabhängig vom christlichen Glauben finde ich, dass Vergebung ein wirklich wichtiges Thema ist – für die Psychohygiene (was für ein Wort!).

Was bedeutet denn Vergebung?

Meiner Meinung nach bedeutet Vergebung, den Menschen im Täter zu sehen – ein Geschehen in Tat und Täter aufzuspalten. Wenn wir uns nach einem Amoklauf mit dem Täter beschäftigen, dann wird spürbar, was ihn angetrieben hat. Das bedeutet aber keinesfalls, dass

  • wir die Tat gutheißen
  • wir den Täter seiner Verantwortung entheben
  • wir die Tat verstehen
  • wir vergessen oder gar, dass
  • alles ungeschehen ist

Es bedeutet lediglich, dass wir den Schrecken der Tat würdigen und vielleicht dem Täter dennoch vergeben können. Nicht, um ihn zu entlasten, sondern, um uns selbst zu befreien. Die Vergebung befreit uns aus der Opferrolle.

Der Journalist Andreas Unger erzählt in seinem Buch* von einer Frau, die die Zwillingsversuche des KZ-Arztes Mengele in Auschwitz überlebt hat. Sie sagt von sich selbst, dass Sie den größten Teil ihres Lebens das perfekte Opfer war – sie war voller Hass, voller Argwohn und sie war Gefangene ihrer eigenen Gefühle (nicht handlungsfähig). Dann entschied sie sich irgendwann bewusst, den Tätern zu vergeben. Sie bezeichnete das Vergeben als großen autonomen Akt. Es war etwas, was sie aus sich heraus tun konnte (sie war in der Handlungsfähigkeit). Dadurch hat sie sich befreit von all dem, was Menschen ihr angetan haben.

In der Trauma-Arbeit erlebe ich oft, dass jemand sagt „Ich habe gehört, dass ich dem Täter verzeihen muss, aber das kann ich nicht.“ – Jetzt nicht – es ist der letzte Schritt in der Trauma-Arbeit, nicht der erste. Vor der Vergebung kommt die Würdigung und Anerkennung des Leids. Die Wertschätzung für sich selbst, dass man das durchgestanden hat, dadurch bekommen wir die Größe für die Vergebung. Und dann ist Vergebung ein Schritt in die Freiheit. Das Trauma bestimmt nicht mehr den Alltag, der Täter ist nicht mehr ständig präsent. Vergangenes ist dann da wo es hin gehört – nicht mehr, als eine nicht besonders schöne Erinnerung.

 

 

*Andras Unger „Vergebung – eine Spurensuche“ erschienen im Herder-Verlag

 

 

Bild: fotolia.com Urheber: Андрей Яланский

 

 

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