Eigenverantwortung

Heute haben sich im Bus hinter mir zwei Frauen, nicht mehr ganz jung, darüber unterhalten, wie undankbar Ihre Kinder sind, die sich ja viel zu wenig kümmern und, und, und – und überhaupt.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich noch diskutieren möchte, deshalb habe ich nicht meinen Senf dazu gegeben, obwohl ich Mühe hatte.  Ich habe meistens Mühe, wenn ich höre, was andere tun sollten und was richtig wäre. Ich versuche schon lange, dies Art des Denkens bei mir abzustellen und doch denke ich jetzt ja auch, dass sie nicht so reden sollten – hm, ich bin also auch nicht besser – maße mir auch an, zu wissen, was die beiden Frauen denken sollten. Ja, ich arbeite daran 😉.

Aber ich möchte diesen Frauen doch so gerne sagen, dass sie nicht ernten können, was sie nicht gesät haben. Meistens hat es Gründe, wenn sich jemand von den Eltern distanziert und sich nicht oder wenig kümmert. Die wenigsten tun das, um die Eltern zu verletzen, meistens ist es doch um sich selbst zu schützen. Wir sind für unsere Eltern zuständig, aber wir sind nicht für sie verantwortlich und manchmal muss es eben reichen, wenn wir einen Pflegedienst organisieren, der täglich kommt und wir nicht selbst täglich kommen.

Gut, wenn ich die Position der alten Dame einnehme, dann kann ich verstehen, dass sie sich vielleicht mehr Kontakt mit Kindern und Enkeln wünscht und dass sie sich schwertut, zu verstehen, dass das umgekehrt nicht der Fall ist. Sie lebt in ihrer Welt, ihre Realität ist vielleicht Einsamkeit und die Sehnsucht nach Zuneigung, Unterhaltung und Abwechslung ist groß. Wenn ich mir vorstelle, wie es ist, so zu leben, dann kommt viel Mitgefühl und gleichzeitig auch das Wissen, dass sie selbst für sich und ihre Art zu leben verantwortlich ist, nicht etwa ihre Kinder.

Und ich kann mich auch gut in die Kinder einfühlen, die Alltagsstress haben, noch im Berufsleben sind und sich organisieren müssen, damit die eigenen Kinder nicht zu kurz kommen. Wie froh ist man dann über ein Wochenende ohne Verpflichtungen! Reicht es da nicht, wenn man die Mutter mal anruft und fragt, wie es geht? Wie belastend ist dann das Gejammer und das schlechte Gewissen, das man hat, weil man eigentlich nur gut für sich selbst sorgt?

Warum denken Menschen, sie hätten einen Anspruch darauf, dass „man sich kümmert“? Warum machen manche erwachsenen Menschen ihr eigenes Wohlbefinden abhängig davon, was andere tun oder eben nicht tun?

Egal, wie alt man ist – ist man erwachsen, dann ist man auch für sich selbst verantwortlich. Es ist immer meine Entscheidung, wie ich meine Zeit verbringe. Ich kann schöne Musik hören, ein gutes Buch lesen, im Senioren-Club Kaffee trinke, bei „Sissi, die junge Kaiserin“ dahinschmelzen, mich beim „Schweigen der Lämmer“ gruseln oder aber dasitzen und jammern, dass da niemand ist, der mir die Zeit vertreibt. Wenn ich allerdings denke, jemand müsste mir die Zeit vertreiben, dann fehlt es an Wertschätzung für die Zeit, die ich noch habe und ich mache mich zum Opfer, wenn keiner Zeit für mich hat.

Es könnte so schön sein, wenn man weniger überlegt, was andere tun sollten und mehr, was man selbst tun könnte. Zeit ist kostbar und die Qualität hat man oft selbst in der Hand.

 

Bild: Fotolia, Urheber: oneinchpunch

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s