Authentizität

In einem Forum für depressive Menschen habe ich die Frage gelesen: „warum kann ich keine Freunde halten?“

Und ich möchte sofort „darum“ antworten. Wenn ich überlege, wie ich mich am besten verhalte, um Freunde zu gewinnen, jemandem zu gefallen oder auch Freundschaften zu erhalten, dann überlege ich, was für einen Menschen andere gut finden und versuche so zu sein. Ich spiele dann ein Idealbild, trage eine Maske, das ist nicht authentisch.

Ich möchte doch Freunde, die mich so mögen, wie ich bin – wenn ich mich verstelle, dann wird das wahrgenommen, vielleicht nicht bewusst, aber irgendwie doch. Wenn man mit jemandem zu tun hat, der/die nicht authentisch ist, macht sich oft ein seltsames, warnendes Bauchgefühl bemerkbar – keine gute Voraussetzung für eine Freundschaft.

Kann ich für mich, nach dem berühmten Vorbild eines Berliner OBs, sagen „ich bin wie ich bin und das ist gut so“?

Was geschieht eigentlich, wenn ich vorspiele, dass ich mit Begeisterung zum Fußball gehe? Oder so tu, als würde ich Sushi mögen? Oder gar, dass ich mit Leidenschaft Horrorfilme anschaue. Damit stelle ich schon mal sicher, was ich beim nächsten Streit mit vorwurfsvoller Haltung sagen werde: „Du und Deine blöden Horrorfilme, die finde ich ja immer schon unerträglich und ich tu mir das ständig an, nur für Dich!“ So oder so ähnlich wird es wohl enden. Und dann? Welche Chance hat dann der/die Andere noch?

Wie wäre es stattdessen, wenn man gleich von Anfang an sagen würde „sorry – Fußball ist ja so gar nicht mein Ding, aber ich geh mit Dir ins Stadion, damit wir die gemeinsame Zeit haben und vielleicht gehst Du ja dafür mal mit mir in die Oper? Ist fast wie Fußball, da wird auch gespielt und gesungen, nur mitsingen darf man nicht.“ Zu sich selbst stehen und auch sagen, wenn man etwas im Interesse der Freundschaft oder Beziehung tut…. Das wäre wohl ehrlich.

Darauf vertrauen, dass man gemocht oder geliebt wird, mit allem was man mitbringt und andere akzeptieren und respektieren, genau so wie sie sind. Wäre schön, oder?

Sage ich zu einem Menschen, der mir nahe ist: „Ich will Dich nicht belasten, hab‘ einen schönen Tag“ – ist das authentisch? Wenn mir jemand wirklich nahe ist, kann er/sie dann noch den Tag genießen, wenn doch signalisiert wurde, dass da etwas sehr Belastendes ist? Versuche ich damit nicht vielmehr, den anderen so zu manipulieren, dass er sich um mich kümmert? Ich möchte doch nicht wirklich, dass mein Gegenüber dann sagt „Danke, dass Du mich nicht belastest, dann geh ich jetzt mal feiern und Spaß haben“? Vielleicht wünsche ich mir eben doch, dass nachgefragt wird. Nur kommt es so nicht authentisch daher und die Enttäuschung und der Schmerz können groß sein, wenn ich ernst genommen werde und nicht nachgehakt wird – da hätte man dann doch mehr Empathie erwartet. Aber eigentlich will ich doch, dass man mich ernst nimmt, oder?

Wie wäre dann: „Es tut mir leid, wenn ich Dich jetzt damit belaste, aber mir geht es im Moment wirklich nicht gut und ich danke Dir dafür, dass Du mir noch kurz zuhörst, das hilft mir sehr und ich wünsche Dir, dass Du dann trotzdem einen schönen Tag hast“? Das wäre wohl ehrlich, zeugt von der Fähigkeit zur Selbstfürsorge und natürlich würde ich in Sachen Empathie in Vorleistung gehen.

Schon möglich, dass ich tatsächlich möchte, dass der nahestehende Mensch einen schönen, unbeschwerten Tag hat. Dann tu ich gut daran, auch das authentisch zu kommunizieren: „Es geht mir gerade nicht so gut, aber ich komme damit zurecht, mach Dir bitte keine Sorgen“ Das ist glaubhaft, wenn es authentisch und nicht manipulativ ist. Und es ist ein gutes Gefühl, wenn andere mir zutrauen, dass ich wirklich zurechtkomme, wenn ich das sage und dass ich auch sage, wenn es nicht so ist.

Es zeichnet eine Freundschaft aus, wenn ich mich nicht verstellen muss und ich voll und ganz zu mir und zu meinen Bedürfnissen stehen kann. Meine Freunde können sich darauf verlassen, dass ich das auch tue und umgekehrt wünsche ich mir auch genau das von meinen Freunden.

 

 

 

 

 

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