Bedürfnisse achten

Heute früh um 8:00 war ich hier mit dem Bus unterwegs zu einer Fortbildung. Mit mir stiegen 2 Paare mit Kinderwagen ein – 2 Kinderwagen standen schon im Bus – ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit junge Eltern den Raum für sich beanspruchen. Ist das nur in München so, oder werden die Kinderwagen überall immer mehr und immer größer?

Aber das soll hier nicht das Thema sein. Man kommt jedenfalls nicht umhin, Gespräche, die über 4 Kinderwagen samt geräuschvollem Inhalt hinweg geführt werden, mitzuhören.

Und so habe ich dann die Frage aufgeschnappt „…. und wann kommt denn Eurer in die Krippe?“. Das fand ich interessant. Es ist also inzwischen gar nicht mehr die Frage, „ob“, sondern lediglich „wann“.  Welche Auswirkungen das auf die Bindungsfähigkeit der heranwachsenden Generation haben wird, wird sich wohl in 25 Jahren zeigen. Ich möchte jetzt nicht die Kinderkrippe verteufeln – das wäre nicht fair – nur dachte ich bisher, dass das eine Option ist, wenn es nicht anders geht. Die Selbstverständlichkeit hat mich etwas irritiert.

Später in meiner Fortbildung haben wir kurz darüber gesprochen, was Kinder im Moment alles mitmachen…. Geschrei vor der KiTa, weil manches Kind da nicht hinwill, denn nicht selten werden die Kinder früh aus dem Schlaf geholt und abgefüttert und zur KiTa gebracht, weil dann ja das erwachsene Arbeitsleben beginnt. Wo bleiben da die Bedürfnisse dieser kleinen Menschen?

Kinder bekommen immer früher Zahnspangen und mir hat heute eine Kollegin, die im Auftrag der Stadt München in Schulen geht, um die Kinder über Zahnhygiene und Karies aufzuklären, erklärt, dass das meistens völlig unnötig ist. Der Kiefer entwickelt sich und viele sog. „Fehlstellungen“ korrigieren sich von selbst bzw. beieinträchtigen in keiner Weise. Dieses ständige Nachjustieren der Spange ist zudem recht schmerzhaft. Eigentlich sollte man, wenn überhaupt, erst im Erwachsenenalter eine Spange bekommen. Was ist da mit den Bedürfnissen der Kinder?

Wenn Kinder im Kindergarten das „r“ nicht richtig sprechen, dann wird sofort ein Logopäde aufgesucht (manchmal ganz bestimmt zurecht), kann ein Kind den Stift nicht richtig halten, gibt’s noch Ergotherapie (sicher oft aus gutem Grund) dazu, musikalisch ist es auch, deshalb lernt es Klavier oder Ballett, Tennis, ja sogar Golf – Termine, Termine, Termine. Die Bedürfnisse der Kinder bleiben auf der Strecke.

Die Kinder gehen dann, wenn es gut läuft, mit 20 zum Therapeuten und lernen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen. Das geht. Milton Erickson hat einmal gesagt, dass es nie zu spät ist, eine gute Kindheit gehabt zu haben. Man kann alles nachreifen. Wenn es allerdings nicht so gut läuft, könnte das auch in eine Sucht führen, die verhindert, dass man die eigenen unbefriedigten Bedürfnisse zu sehr spürt.

Ich möchte hier nicht die Eltern anklagen – es hat auch was mit Zeitgeist zu tun. Jetzt ist das der Weg.  Ich möchte auch nicht sagen, dass es früher besser war – es war anders – früher ließ man Babys schreien, weil das die Lungen kräftigt (so stand es in Erziehungsratgebern), heute weiß man, dass damit dem Kind das Urvertrauen genommen wird. Und ich bin überzeugt, dass alle Eltern wirklich nur das Beste für ihre Kinder wollen und ihnen geben, was sie geben können und was ihrer Meinung nach richtig ist. Ich würde gerne dazu anregen, einmal zu überlegen, wie ein Mensch lernt, sich und seine Bedürfnisse wirklich wichtig zu nehmen und andere Menschen, mit ihren Bedürfnissen respektvoll zu achten. Das wäre eine wirklich kostbare Mitgift für die Kinder!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s