Sekundärer Krankheitsgewinn?

„Sekundärer Krankheitsgewinn“ – ich mag diesen Ausdruck gar nicht, ich finde, das wirkt so, als wäre eine Krankheit absichtlich, mit dem Ziel der „Gewinnerzielung“.

Niemand wird absichtlich krank, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen oder irgendwas nicht zu müssen oder was auch immer. Die Krankheit ist oft der letzte Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen Situation.

Das Unbewusste ist schon schlau. Wenn wir in einer chronischen Überforderung stecken bekommen wir Burnout, werden krankgeschrieben und oft ist damit das Problem der Überforderung erst mal vom Tisch – wir haben eine Auszeit. Liegt die Überforderung allerdings gar nicht im beruflichen, sondern im persönlichen Bereich, hilft die Krankschreibung nichts. Wenn Partner/in und Kinder einem die Luft zum atmen rauben, folgt oft eine Krankheit, die die Familie zur Rücksichtnahme zwingt. Ist die Seele in Not, kommt der Körper hinterher.

Schon als Säugling werden Bauchkrämpfe sehr schnell mit körperlicher Nähe (herumtragen, gewiegt werden) verbunden und als Kinder lernen wir, dass wir mit Grippe und Fieber besonders viel mütterliche Zuwendung bekommen. Manche Kinder machen sogar die Erfahrung, dass sie nur dann Zuwendung bekommen. Was ist dann naheliegender für diese Kinder, als besonders oft krank zu werden, weil sie so die für Kinder überlebenswichtige Fürsorge erfahren. Das ist kein Kalkül, sondern das Unbewusste hat gelernt, so zu helfen, die elementaren Bedürfnisse zu erfüllen. So ein Muster kann sich so festsetzen, dass es im Erwachsenen nachwirkt.

Eine Krankheit – seelisch oder körperlich – kann also eine Bewältigungsstrategie sein, die wir irgendwann in unserem Leben gelernt haben – keine bewusste Maßnahme, sondern eine unbewusste Reaktion auf eine Notlage.

Der größte Schatz, den wir Kindern für ihr Leben mitgeben können ist, zu lernen, wie man auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse achtet. Wenn ich gelernt habe, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und dafür zu sorgen, dann sind die Chancen auf ein gesundes und erfülltes Leben schon mal deutlich größer.

Für alle liebenden Eltern, die sich selbst und ihr Leben für die Kinder opfern: Kinder lernen durch Vorbild. Eltern, die auch mal ihre Ruhe brauchen, die auch mal umarmt werden wollen und das sagen, die wahrnehmen, wenn sie hungrig oder durstig sind vermitteln ihren Kindern zum einen, dass sich die Welt nicht nur um sie dreht und zum anderen, wie es funktioniert, dass man auf sich selbst schaut. Das ist so wichtig!

Jemand der das nicht gelernt hat, wartet auf die Hilfe von außen. Bei Erwachsenen funktioniert das meist nicht. Die Unfähigkeit zur Selbstfürsorge kann in die Krankheit führen.

Es ist daher schon sinnvoll, auch genau hinzuschauen: Was verändert sich in meinem Leben, wenn ich krank bin? Schützt eine Krankheit vielleicht meine Seele? Bringt sie mir Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Liebe, Zuwendung, manchmal auch Respekt – all das, was mir fehlt und was ich so sehr brauche?

Selbstmitgefühl, Aufmerksamkeit und Respekt für sich selbst, Selbstliebe – oft wären das die Schlüssel zur Heilung.

 

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