Sorgen schwächen – Vertrauen und Zuversicht stärken

Während meiner systemischen Ausbildung hatte ich einen Dozenten, der, wenn ich mich richtig erinnere, wiederum einen seiner Lehrer zitierte: „Sich Sorgen machen ist Gotteslästerung“. Da hatte ich was zu verdauen. Sich um jemanden sorgen ist doch ein Ausdruck von Liebe und Zuneigung, oder? Jemand der mir nicht wichtig ist, um den sorge ich mich doch auch gar nicht, oder? Ich konnte und wollte nichts schlechtes in den Sorgen erkennen.

Und das mit der Gotteslästerung ist ja auch so eine Sache, wenn man vielleicht ein ganz anderes Bild von dem hat, was da Gott genannt wird. Wenn ich aber an Gott glaube, wie es derjenige, der das sagte offensichtlich tut, dann stimmt das. Wenn ich glaube dass Gott lenkt, dann bin ich voller Vertrauen in seiner Hand oder kleingläubig.

Ok, aber nicht jeder hat dieses Bild. Wenn ich davon ausgehe, dass es so etwas wie eine höhere Ordnung gibt und ich denke, dass das, was mir in meinem Leben begegnet, für mich und meine Entwicklung richtig ist, dann brauche ich mir ebenfalls keine Sorgen zu machen.

Meine sorgenvolle Mutter mit ihrem wiederholten „fahr nicht so schnell“ konnte nicht verhindern, dass ich zu schnell unterwegs war, in einer Kurve ins schleudern kam und im Acker gelandet bin. Das habe ich gebraucht. Auto hinüber und Kopfschmerzen.

Offensichtlich konnte ihre Sorge nicht die für mich schmerzhafte Erfahrung verhindern. Sorgen werden wohl nicht verhindern, dass passiert, was passieren muss.

Stellt sich für mich die Frage, was machen dann Sorgen? Dieses „fahr vorsichtig“ sagt einerseits: „Ich liebe Dich und ich möchte nicht, dass Dir was passiert“, andererseits sagt es aber auch: „ich muss Dich daran erinnern, auf Dich selbst acht zu geben, weil Du das sonst nicht tust“. Sie traut mir nicht zu, dass ich gut fahre und das verunsichert mich.

Vielleicht wäre es gut, auch mal auf die Bilder zu achten, die wir dabei im Kopf haben. Kommt eine Ermahnung zur vorsichtigen Fahrweise wirklich mit dem inneren Bild eines umsichtigen, defensiven und verantwortungsbewussten Fahrstils daher oder sehe ich dabei vor meinem inneren Auge schon die überhöhte Geschwindigkeit, die Kurve, das nasse Laub auf der Straße, der Gegenverkehr – kurz die ganze Katastrophe?

Was stärke ich in mir damit? Die positive, konstruktive und liebevolle oder die negative, ängstliche und kritisierende Haltung gegenüber dem Leben und den Menschen, die mir wichtig sind?

Was stärke ich in dem Menschen, um den ich mich sorge und der mir ja wichtig ist?

Welche Bilder nimmt ein kranker Mensch auf, wenn ich voller Sorge an ihn denke und welche, wenn ich mit dem Bild der robusten Natur, die schnell und unkompliziert heilt an ihn denke?

Esoteriker würden davon sprechen, welche Energie man jemandem schickt.

Das kann man sehen wie man will. Was allerdings wirklich allen Therapeuten vertraut ist, ist das Prinzip der Übertragung.  Wenn ich mit einem Klienten, praktisch wie aus dem Nichts, wütend werde, dann liege ich mit der Frage „Was macht Sie gerade wütend?“ eigentlich immer richtig. Ich nehme also die Wut auf. Für Therapeuten ist es wichtig, um dieses Phänomen zu wissen, damit sie einordnen können, was da gerade los ist. Aber wäre es nicht für alle wichtig zu wissen, dass die sorgenvollen, ängstlichen Gedanken, die wir den Menschen entgegen bringen, die wir so sehr lieben, von ihnen aufgenommen werden und in ihnen eigentlich kein gutes Gefühl bewirken?

Sorgen haben noch keine Katastrophe verhindert, aber ein Blick voller Vertrauen und Zuversicht, dass man das meistert, kann sehr stärkend sein.

Also: Vertrauen, Zuversicht, Liebe und vor allem auch ein Lachen geben Sicherheit und Kraft. Das ist das, was man den Menschen geben möchte, die man liebt – oder?

 

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