Alter

Also meine Oma, die meinte ja: „alt werden ist nicht schlimm, nicht alt werden ist schlimm“ und ich frage mich, ob sie das einfach so, als Floskel dahingesagt hat oder ob sie das wirklich so gemeint hat. So oder so – man könnte noch so eine Floskel daran hängen „alt werden, ist nichts für Feiglinge“. Und wie das mit Floskeln eben so ist, ohne Kontext sind sie nichtssagend. Wenn meine Oma das sagte, deren Leben alles andere als einfach war, so hatte das was und sie hätte vermutlich beide Sätze unterschrieben.

Irgendwo habe ich gehört, dass man, sollte man in China einen Unfall mit einem Kind haben, bei dem das Kind das Leben lässt, Ruhe bewahren und auf die Polizei warten soll. Wenn man aber einen Greis anfährt und der das nicht überlebt, dann soll man sich ganz schnell aus dem Staub machen, denn das ist wirklich, wirklich schlimm. Bei den Chinesen scheint das Leben kostbarer zu werden, je mehr Erfahrungen man hat. Also sind Erfahrungen wertvoller, als Lebenszeit.

Ich bin nun mal Europäerin und deshalb kann ich dem nicht so ganz folgen, bin immer noch sehr betroffen, wenn ein Kind geht und versöhnt, wenn jemand im hohen Alter einschläft. Und doch begeistert mich diese Wertschätzung, die man dem Alter entgegenbringt, nicht nur, weil ich selbst auf meinem Weg auch deutlich über der Mitte bin – es sei denn, ich werde 114 (oh Gott! Will ich das überhaupt?).

Die Erfahrung der älteren Generation könnte in Unternehmen durchaus von Vorteil sein – den Jugendwahn bezahlen sie oft teuer. Ist es wirklich billiger, immer wieder jemanden einzustellen, der immer wieder die gleichen Fehler macht, als jemanden zu nehmen, der diese schon hinter sich hat? Das gilt sicher nicht für alle Bereiche, aber eine Überlegung wäre es wohl wert. Erfahrung ist kostbar und sollte wertgeschätzt werden. 2010 war in der Süddeutschen in einem Artikel über Altersweisheit zu lesen „Die größere Lebenserfahrung erleichtert es älteren Menschen, ausgewogener zu urteilen.“ Da würde ich dann denken, dass manchem Management Erfahrung gut täte – gleich nach der Uni ab in die Chefetage?

Ist es wirklich ein Kompliment, wenn jemand sagt „du siehst locker 10 Jahre jünger aus“? Darf man die Erfahrungen nicht sehen? Ist Jugend per se besser? Jugend ist kein Verdienst und ein Vorzug, der von Tag zu Tag kleiner wird. Wäre ein miteinander nicht schöner, als ein „Sich-über-den-anderen-stellen“. Ich kann von meinem Neffen wirklich viel lernen – aber er von mir auch.

In einem Seminar hat der Dozent einen 50-Euro-Schein hoch gehalten und wollte wissen, wer in haben will. Natürlich alle. Er hat ihn zerknüllt und fragte, wer diesen faltigen Geldschein noch haben will. Wieder alle. Er warf ihn auf den Boden und hat darauf herumgetreten, mit dem Ergebnis, dass alle den zerknitterten, schmutzigen Schein haben wollten. Auch der Wert eines Menschen ändert sich nicht: neu und glatt oder alt und zerknittert, der Wert bleibt gleich. Ein junges Leben ist nicht kostbarer als ein altes und auch nicht umgekehrt. Die Erfahrungen und die Lebensweisheit sind kostbar und die gehen mit dem Alter einher. Zugegeben, man büßt dafür oft ein paar Zähne und etwas Beweglichkeit ein 😉 .

Und dann hätte ich noch so eine Weisheit, die wir alle kennen: „auf dem Sterbebett bereut man oft, was man nicht getan hat und selten was man getan hat.“

Also – was mir wichtig ist, möchte ich nicht aufschieben.  Ich habe vor ein paar Jahren gelernt, dass es auch ganz schnell gehen kann und dann gibt es kein „das mache ich nächstes Jahr“ mehr.  Ich bin dankbar für diese Erfahrung – sie hat mich nach Kauai geführt. Das stand eindeutig auf meiner Liste.  Ich habe immer eine Liste mit 10 Dingen, die ich noch erleben möchte. Kauai stand drauf und steht wieder drauf. Es bleiben 10 Punkte, fällt einer weg („erledigt“), kommt dafür ein neuer. Mir ist das wichtig. Diese Liste erinnert mich immer wieder daran, dass ich gut auf mich und meine Wünsche schaue und mich nicht in den Banalitäten des Alltags verliere. Alltag ist auch wichtig, aber nur Alltag verkürzt die Zeit. Wenn man nur im Alltagstrott durch jeden Tag geht, dann vergehen Tage, Wochen, Monate und man hat kaum eine Erinnerung. Erinnerungen müssen wir uns selbst schaffen und sie dehnen die Zeit.

Immer wieder mal innehalten, die eigenen Ziele anschauen und prüfen, ob man noch auf dem Weg ist, oder war da vielleicht eine Abzweigung, die reizvoller erschien und dazu geführt hat, dass wir uns unsere Ziele aus den Augen verloren haben. Vielleicht haben sich auch die Ziele geändert und auch das bedarf einer längeren Betrachtung.

Mark Twain soll gesagt haben „Die zwei bedeutendsten Tage in deinem Leben sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag an dem du herausfindest, warum.“ Ein schlauer Kopf, dieser Mark Twain.

 

 

Bild: fotolia.com

 

 

 

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