Schicksal?

Auf Facebook hatte ich einen kurzen Austausch mit einem Guru der Kalendersprüche. Ich nehme mit Erstaunen zur Kenntnis, dass es offensichtlich reicht, jeden Tag einen Kalenderspruch zu posten, um nahezu den Status eines Gurus zu erlangen. Kaum vorstellbar, was Osho alles erreicht hätte, wenn es damals schon Facebook gegeben hätte. Als ließe sich eine Lebensphilosophie in einen Spruch quetschen….

In diesem Fall war es (nochmal auf’s Wesentliche reduziert), die Aussage „sei positiv und Dir wird auch nur positives widerfahren“ oder – wie meine Oma zu sagen pflegte „wie man in den Wald hinein schreit …..“

Und meine Oma hatte immer recht. Und jeder kann das überprüfen. Sei freundlich zu den Menschen, die Dir begegnen und sie sind (meistens) auch freundlich zu Dir.

Wenn sie nicht gerade mit eigenen Themen beschäftigt ist und womöglich gerade eben einen Unfall in der Familie, die Kündigung der Arbeit oder Wohnung, die Trennung vom Lebenspartner oder sonstige Schicksalsschläge zu verarbeiten haben und meine Freundlichkeit gar nicht wahr nehmen.

Ich halte es für gefährlich, zu denken, dass man nur mit positiver Einstellung durchs Leben gehen muss und dann ist man von Schicksalsschlägen verschont. Oder, wie der Facebook-User das ausdrückte „führt man ein Leben, frei von Leid“. Gefährlich deshalb, weil es ausdrückt: Wenn dir was Schlimmes passiert, dann deshalb, weil Du (noch) nicht ok bist. Auch wenn ich durch viel Arbeit an mir selbst weitgehend im Frieden bin mit mir und der Welt, weiß ich, dass auch schmerzhafte Ereignisse auf mich zukommen werden. Sicherlich werde ich mich eines Tages von den Menschen, die mir nahe sind und die ich so sehr liebe verabschieden müssen. Und das ist ein großer Schmerz. Der braucht Anerkennung und nicht den Gedanken „ich bin nicht positiv genug, sonst würde mir das nicht passieren“.

Und das ist unabhängig von meiner persönlichen Überzeugung, ob es weitergeht, oder wohin ich dann gehe. Hier ist und bleibt es ein Abschied. Was mir, um bei diesem Beispiel zu bleiben, hilft, ist: Den Schmerz annehmen und anerkennen, dass er ein Ausdruck meiner Liebe ist. So werden die Tränen der Trauer zu heilsamen Tränen.

Unsere Biographie, unser Leid, unser Schmerz und unsere glücklichen Tage, unsere liebevollen Begegnungen haben uns doch zu dem gemacht, was wir heute sind. Nichts davon darf fehlen, denn wir wären nicht wir, wenn auch nur eine Erfahrung anders wäre. Und trotzdem ist es gut nachvollziehbar, dass man manchmal denkt „das hätte ich wirklich nicht gebraucht, ich wünschte, es wäre mir erspart geblieben“. Ja – oft sehr berechtigt und oft habe ich keine Antwort – aber gemeinsam keine Antwort zu haben, ist manchmal auch hilfreicher, als ein schlauer Kalenderspruch, der das Geschehene zu entwerten scheint. Schicksalsschläge ertragen sich manchmal besser, wenn man den Wert darin sucht – und akzeptiert, dass sich dieser Wert uns nicht immer erschließt.

 

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